Durch einen Spiegel, in einem dunklen Wort

Jostein Gaarder

"Wir sehen jetzt durch einen Spiegel, in einem dunklen Wort! Dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen gleichwie ich erkannt bin. " Erster Brief des Paulus an die Korinther, 13. Kapitel, Vers 12

Das Buch „Durch einen Spiegel, in einem dunklen Wort" erzählt über Cecilie, die Weihnachten schwerkrank im Bett verbringen muß. Zwar gibt sich ihre Familie alle Mühe, ihr alles so angenehm wie möglich zu machen, doch kann sie ihre Sorgen kaum verbergen. Als Cecilie nach der Bescherung erschöpft ins Bett sinkt, sitzt jemand an ihrem Bett, den sie nie zuvor gesehen hat. Ariel stellt sich als Engel vor. Doch er entspricht überhaupt nicht der Vorstellung, die Cecilie von Engeln hat. Denn Engel kennt sie nur aus den Weihnachtsdekorationen, an ihre Existenz kann sie nur schwer glauben. Doch der Engel läßt nicht locker und spricht mit ihr über Gott, Engel und Menschen.
Durch die Gespräche mit Ariel lernt Cecilie, sich die Schöpfung ganz anders vorzustellen, als sie es im Religionsunterricht gelernt hat. Sie diskutiert mit dem Engel, was man von der Schöpfung Gottes überhaupt wahrnehmen kann. Ariel gibt ihr immer wieder neue Ideen und Gedanken, die ihr helfen, neue Aspekte zu erfassen und ihre Gedanken aus dem Krankenzimmer zu befreien. Ariel ermöglicht ihr einen Blick hinter den Spiegel, hinter dem sich die Erkenntnis über Gottes Schöpfung befindet, durch den man jedoch nur sehen kann, wenn man darauf verzichtet, sich selbst zu sehen. Diese Erkenntnis hilft ihr, dem Engel zu folgen.


Stimmen zum Buch

... Der Titel des Romans „Durch einen Spigel, in einem dunklen Wort" ist dem ersten Brief des Apostels Paulus an die Korinther entlehnt. Jostein Gaarder gibt dieser Seite einen dekonstruktivistischien Sinn: „Manchmal können wir durch den Spiegel schauen und ein wenig von dem entdecken, was sich auf der anderen Seite befindet. Aber wenn wir den Spiegel sauber wischten, würden wir viel mehr sehen. Nur könnten wir uns dann selbst nicht mehr erkennen." Man muss nur mißtrauisch genug gegen die Vernunft sein, lautet die Botschaft, dann stellt sich das Vertrauen in den Sinn des Lebens bald ein. Denn was sind schon die Menschen? „Seifenblasen, die Gott fliegen läßt." Jostein Gaarder predigt das Unding einer seiner selbst bewußten Naivität. Das kostet Verstand.
Thomas Steinfeld, Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 23.09.1996
... Was bedeutet es, ein Mensch zu sein? Woher kommt, wohin geht er? Der Engel Ariel, der nicht groß und feierlich im langweiligen Gewand an Cecilies Bett steht, sondern mit kahlgeschorenen Köpfchen auf der Fensterbank hockt und manchmal mit den Beinen baumelt, weicht der Frage nicht aus. Die harten Reibungen zwischen Wissenschaft und Glauben bleiben im Raum stehen, es findet keine süßliche Verklärung statt, aber es bleibt das große Staunen vor dem unerklärlichen Mysterium des Lebens.
Braunschweiger Zeitung vom 24.09.1996
... Jostein Gaarder versteht es, Leben und Tod, menschliche und göttliche Welt unsentimental und spannend zu schildern, dem Materialismus unserer kleinen Welt nicht nur einen Spiegel vorzuhalten, sondern die unbegrenzte Welt hinter dem Spiegel einen Spalt zu öffnen. Diese erkennende Spiritualität kann in ihrer undogmatischen Weise wohl auch manchen Atheisten ins Staunen und Nachdenken versetzen ...
Achim Hellmich, Berliner Zeitung vom 01.10.1996

Der Autor

Jostein Gaarder, geboren 1952 in Oslo, studierte Philosophie, Theologie und Literaturwissenschaft an der Universität in Oslo und unterrichtete danach zehn Jahre lang Philosophie an Schulen und in der Erwachsenenbildung. Daneben schrieb er Romane und Erzählungen für Kinder und Erwachsene. Sein erstes Buch, ein Erzählband für Erwachsene, erschien 1986, sein erstes Kinderbuch 1987. Heute lebt er als freier Schriftsteller mit seiner Frau und zwei Söhnen in Oslo. Sein Buch „Sofies Welt" wurde ein sensationeller Erfolg bei den Lesern wie bei der Kritik. 1994 erhielt er für „Sofies Welt" den Deutschen Jugendliteraturpreis. „Das Kartengeheimnis" erschien 1995 und wurde in Norwegen mit dem bedeutendsten Literaturpreis ausgezeichnet.


Bibliographie:

  • 1993 Sofies Welt
  • 1995 Das Kartengeheimnis
  • 1996 Durch einen Spiegel, in einem dunklen Wort
  • 1997 Das Leben ist kurz (Vita Brevis)

Auszeichnungen:

  • 1993 Luchs 84 („Sofies Welt")
  • 1994 Deutscher Jugendliteraturpreis („Sofies Welt")
  • 1995 Preis der Deutschen Schallplattenkritik („Sofies Welt")
  • 1996 Das goldene Kabel („Durch einen Spiegel, in einem dunklen Wort")
  • 1997 Preis der Deutschen Schallplattenkritik („Durch einen Spiegel, in einem dunklen Wort")
  • 1997 Österreichischer Kinder- und Jugendliteraturpreis der Jury der jungen Leser („Durch einen Spiegel, in einem dunklen Wort")
  • 1997 Buxtehuder Bulle („Durch einen Spiegel, in einem dunklen Wort")

Aus dem Interview von Nicole Hess von der Neuen Luzerner Zeitung vom 2. Oktober 1996

Hess: Jostein Gaarder, Ihr Buch handelt von einem schwerkranken Mädchen, das stirbt. Ein schwieriges Thema für ein Kinderbuch ...
Jostein Gaarder: Viele Erwachsene, die das Buch gelesen haben, sagten mir, sie hätten weinen müssen. Bei Kindern und Jugendlichen ist das anders. Die erzählen mir, sie hätten von der ersten Seite an gewußt, daß Cecilie sterben müsse, und streichen die humorvollen Seiten der Geschichte hervor. Ich denke Kinder und Erwachsene reagieren sehr unterschiedlich. Erwachsene werden traurig, weil sie, obwohl sie die Geschichte aus dem Blickwinkel des kranken Mädchens lesen, auch wissen, wie schwer die Situation für die Eltern ist. Diese doppelte Perspektive können Kinder nicht einnehmen. Natürlich ist es ein Buch über Leben und Tod, und dies wird um so deutlicher, um so kontrastreicher, weil das Opfer ein Mädchen ist. Cecilie macht im Laufe ihrer Krankheit verschiedene Entwicklungen durch: Am Anfang stehen die naiven Fragen. Dann kommen die Pläne, die Phase der Wut und des Protests gegen die Eltern, gegen den Engel. Natürlich erlebt Cecilie auch das Stadium der Resignation, aber am Schluß ist die Hoffnung da, versinnbildlicht in einem Weihnachtsstern, der am toten Christbaum überlebt hat.
Vielleicht ist das eine Metapher für uns Menschen: Ich kann zwar nicht sagen, daß ich das glaube, aber immerhin: Ich hoffe es. Und ich habe eine starke Überzeugung, daß das, was ich „Ich" nenne, nie verlorengehen wird ...
Jostein Gaarder

... Was bedeutet es, ein Mensch zu sein? Woher kommt, wohin geht er? Der Engel Ariel, der nicht groß und feierlich im langwallenden Gewand an Cecilies Bett steht, sondern mit kahlgeschorenem Köpfchen auf der Fensterbank hockt und manchmal mit den Beinen baumelt, weicht den Fragen nicht aus. Die harten Reibungen zwischen Wissenschaft und Glauben bleiben im Raum stehen, es findet keine süßliche Verklärung statt, aber es bleibt das große Staunen vor dem unerklärlichen Mysterium des Lebens.
Braunschweiger Zeitung vom 24. 09, 1996
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