Turmhoch und meilenweit

Tonke Dragt

»Hör zu, hör zu, Edu. Komm zu uns. Sie rufen mich, dachte Edu. Aber wer wohl? Wir, Edu, kam die Antwort. Wo Wälder sind Ich sehe nichts, dachte er, ich muß die Augen zumachen. Wo Wälder sind, flüsterten die Stimmen. So heiß wie Feuer, dachte er. Turmhoch, flüsterten die Stimmen. Er bedeckte seine Augen mit den Händen. Meilenweit.«

Was für ein Geheimnis bergen die hohen, flammenden Wälder, die zu betreten den Forschern verboten ist? Edu kommt zum zweitenmal auf die Venus, weil ihn diese Frage nicht losläßt. Doch wann immer er versucht, die Erfahrungsberichte früherer Venusforscher einzusehen, stets wird es ihm verwehrt. Warum ist ihm als Wissenschaftler der freie Zugang zu den Wäldern verboten? Was haben seine Vorgänger über sie erfahren oder durch sie erlitten?
So faßt Edu den Entschluß, allein aus der sterilen, technisierten Welt auszubrechen, die sich die Menschen unter der Kuppel eingerichtet haben; selbst den Schutz seines Spezialanzugs will er preisgeben, um einmal die üppigen, flammenden Wälder zu betreten.Was er dort erlebt, ist ebenso wunderbar wie erschreckend. Von nun an lernt er sich und seine Freunde ganz anders kennen und auch seine Liebe zu der Psychologin der Venuskolonie nimmt eine unerwartete Wendung.


Stimmen zum Buch

...Tonke Dragt hat es immer wieder geschafft, die Genregrenzen in ihren Büchern fließend zu gestalten. Da vermischen sich Fantasy-Elemente mit Motiven aus dem Märchen oder des utopischen Romans. lhr wohl bekanntestes Werk ist "Das Geheimnis des siebten Weges", das auch für das Fernsehen erfolgreich verfilmt worden ist. Mit "Turmhoch und meilenweit" liegt jetzt der bereits 1969 geschriebene Zukunftsroman der Autorin vor. Vordergründig ganz in der Tradition stehend, "›neues Leben und neue Zivilisationen" entdecken zu wollen, den Forschergeist über die engen Grenzen des eigenen Planeten hinweg zu befriedigen, fließen bei Tonke Dragt aber hier bereits stark reflektierende und kritische Passagen ein. Dominiert wird die Geschichte von der Auseinandersetzung mit faszinierenden, fremden, die Gedanken anderer Menschen lesen könnenden Wesen auf der Venus. Und auch wenn die Autorin im Vorwort einige heute von der Wissenschaft revidierte Auffassungen über die Venus benennt, so ist dies eher nebensächlich. Geschildert wird der Konflikt der Forscher zwischen Pflichterfüllung und Forschungsdrang einerseits und der Bewahrung des Vorgefundenen andererseits.
Rainer Scheer, Frankfurter Rundschau, 20.03.1996
Wie ein Gemälde fein skizziert, farbenfroh, plastisch erscheint mir jede einzelne Seite dieses Buches. Man kann gar nicht genug bekommen vom Gucken, Staunen und Mitfantasieren. Dabei ist es überraschend, mit wie wenig Effekten die Autorin auskommt. Ein spannender Science-fiction-Roman ohne Ballerei, Luftkämpfe, Laserschwerter, Helden und Bösewichte - wo gibt's denn so was? Eben hier ...
Eselsohr
Dragts Roman "Turmhoch und meilenweit" ist tatsächlich im Holländischen erstmals 1969 erschienen. Und Science-fiction (der Untertitel des Buches lautet noch"Zukunftsroman") setzt sehr schnell Patina an. Sie läßt sich freilich abwischen, und dann taucht unter dem zeitbedingten Belag wieder die Urform auf. Die aber hat mit altmodischen Planetarierkämpfen und interstellarer Glitzertechnik wenig zu tun, viel aber mit Psychologie: mit der Angst vor Neuem, mit den Spannungsverhältnissen zwischen Gruppe und Outsider, auch mit Liebe und vor allem mit der Utopie vom friedlichen Leben
Klaus Seehafer, Frankfurter Allgemeine Zeitung, (20.01.1996)

Die Autorin

Tonke Disag wurde 1930 in Batavia (dem heutigen Djakartsa) in lndonesien geboren. Dort verbrachte sie den größten Teil ihrer Kindheit. Während des Zweiten Weltkriegs wurde sie mit ihren Angehörigen in einem japanischen Gefangenenlager interniert; es war die Zeit zwischen ihrem zwölften und fünfzehnten Lebensjahr. "Ständig eingeschlossen hinter Stacheldraht; Hunger und Elend, wohin man nur sah ~ und das gerade in diesem Alter. Es war dieselbe Altersgruppe, für die ich nun schreibe. Uns war dort alles verwehrt, und so erfand ich in meiner Fantasie Geschichten, die in einer weiten Ferne spielen - Geschichten voller Abenteuer und ohne Stacheldraht."

Nach dem Krieg kam Tonke Dragt nach Holland. Sie machte Abitur, besuchte anschließend die Akademie für Bildende Künste in Den Haag und war als Zeichenlehrerin an verschiedenen Schulen tätig. Heute lebt sie als freie Schriftstellerin und lllustratorin in Den Haag. Ihr Debüt als Autorin hatte Tonke Dragt 1956. 1961 erschien ihr erstes Buch. Es spielt im Land Babina und erzählt von den Geschichten, die sie sich im japanischen Konzentrationslager für die dortigen Kinder ausdachte. lhr Buch "Der Brief für den König" wurde mit dem Preis für das beste Kinderbuch, dem Vorläufer des "Goldenen Grifiels", ausgezeichnet. Die sich anschließende große und erfolgreiche Schaffensperiode wurde 1976 gekrönt, als der Autorin der niederländische Staatspreis für Jugendliteratur verliehen wurde. Inzwischen sind ihre Bücher nicht nur in den Niederlanden, sondern auch in Deutschland, Dänemark, Tschechien und Amerika übersetzt und veröffentlicht worden.

Tonke Dragrt hat in ihrem Haus in Den Haag viele Sobaichtetrr und Puppenhäuschen; in ihnen sammelt und bewahrt sie liebevoll und akribisch all die Dinge auf, die in die Welt der Fantasy einzutauchen und nur literarisch, sondern auch illustratorisch umzusetzen. Dank ihrer künstlerischen Ausbildung getirigt es der Autorin, mit den eigenen Buchillustrationen und Umschlagentwürfen den Leser auch visuell in den Bann zu ziehen.


Auswahlbibliographie:

  • Das Geheimnis des siebten Weges Beltz & Gelberg, Weinheim 1984
  • Der Goldschmied und der Dieb, Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 1986
  • Der Wilde Wald, Beltz & Gelberg, Weinheim 1989
  • Der blaue Pirat, Georg Bitter Verlag, Recklinghausen 1990
  • Das Geheimnis des Uhrmachers, Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 1992
  • Die Türme des Februar, Beltz & Gelberg, Weinheim 1993
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