Der erste Frühling

Klaus Kordon

Den »Buxtehuder Bullen« erhält Klaus Kordon für sein Buch ››Der erste Frühling«, das den letzten Band eines dreiteiligen Werkes, ››Die Trilogie der Wendepunkte stellt. Daß ein dreibändiges Werk entstehen würde, wußte Klaus Kordon selbst noch nicht, als er Anfang der achtziger Jahre »Die roten Matrosen oder Ein vergessener Winter« und später ››Mit dem Rücken zur Wand« schrieb.

Geschildert wird das Leben der Berliner Arbeiterfamilie Gebhardt aus der Ackerstraße von der hoffnungsvollen Zeit nach dem ersten Weltkrieg (Die roten Matrosen): über dieZeit der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten (Mit dem Rücken zur Wand) bis hin zum Chaos des Jahres 1945 (Der erste Frühling).

Die Hauptfiguren sind in allen drei Büchern Jugendliche; in »Der erste Früh/ing« ist es die Zwölfjährige Anne, die bei ihren Großeltern lebt, diese lange Zeit für ihre Eltern hält und erst im Laufe der Erzählung die volle Wahrheit über den gewaltsamen Tod der Mutter, die Abschiebung des Vaters ins KZ erfährt und die schließlich diesem fremden Vater gegenübersteht ...

ln Anne wächst im Frühjahr 1945 nach düsteren Kriegsjahren zum ersten Mal wieder die Hoffnung auf eine bessere Zukunft.


Stimmen zum Buch

So sollte ››Geschichtsschreibung von unten« aussehen: nüchtern und doch anteilnehmend, präzise, aber nicht kalt. Lebensechte Figuren, anschauliche Milieuschilderung, lebensechte Dialoge, klare und genaue Sprache und eine klug aufgebaute Handlungsführung ziehen den Leser/die Leserin in den Bann dieses Buches, das keine Erklärungen abgibt, sondern ein Bild der damaligen Wirklichkeit in all ihnen Facetten bietet, dem sich jeder selbst stellen muß und das fern von jeglicher Schwarz-Weiß-Malerei und deshalb ungemein glaubwürdig ist. Ein Roman, der dem Leser/der Leserin das Denken nicht abnimmt.
Gudrun Likar in »Tausend und ein Buch«, das österreichische Magazin für Kinder- und Jugendliteratur, Februar 1994
… ln einer Zeit, in der manche Jugendliche Elemente des Faschismus zur Schau stellen, Nazisymbole unreflektiert übernehmen, es aber gleichzeitig ablehnen, sich über die dunklen Seiten der deutschen Geschichte zu informieren und sich rnit ihnen auseinanderzusetzen, ist dieses Buch wichtig. Es liefert Fakten, zeigt Menschen in einer Umbruchzeit und fordert zur Wahrung der Menschenrechte auf.
Heiner Ruf, Süddeutsche Zeitung, 1.12.93
… Klaus Kordon will Geschichte vergegenwärtigen, "weil sie uns prägt wie die eigene Kindheit". Das ist ihm mit diesem außergewöhnlichen "Jugendbuch" wiederum gelungen. Gerade junge Menschen sollten sich diese Lektüre zumuten. Sie ist lohnend und notwendig angesichts des Menetekels, das uns neuerdings betrifft.
Klaus Klöckner, FAZ, 15.11.93
Kordon, der seinerzeit selbst - Jahrgang 1943 - ein Steppke von gerade zwei Jahren war, ist ein penibler Flechercheur, hat Akten studiert und Zeugen befragt. Wie oft er zum Beispiel die Ackerstraße abgelaufen ist, vermag er selbst nicht mehr zu sagen. Wer den ››Ersten Früh/ing« liest, ist nah dabei, wenn die Leute dem miesen Luftschutzwart bei Fliegeralarm folgen müssen. Und wenn sich noch im Keller die Auseinandersetzungen zwischen Führer-Anhängern und Kriegsgegnern in sarkastischen sowie politisch zweideutigen Redensarten fortsetzen. Ortsbeschreibungen kommen ohne nostalgische Verschonerungen aus, wie das Klo auf halber Treppe, das Milieu des Tante-Emma-Laden im Vorderhaus oder der Potsdamer Platz nach dem Bombenangriff. Mit gleichsam angehaltenem Atem verfolgt man die Küchenszene, in der der "braune" Teil der Familie Gebhardt rnit dem anderen, der im Widerstand, in Desertation und im KZ überlebt hat, zusammentrifft. Klaus Kordon behauptet von den ››Helden dieser Geschichte« ››Sie sind frei erfunden und haben doch gelebt«
Klaus Doderer, Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt Nr. 49, 3.12.93

Der Autor

Klaus Kordon wurde am 21.09.1943 im Nordosten Berlins geboren, noch im selben Jahr fiel sein Vater als Soldat. 1950 heiratete seine Mutter wieder. Nach ihrem Tod 1956 lebte er in verschiedenen Heimen, verließ die Schule mit Mittlerer Reife, arbeitete in diversen Berufen, holte sein Abitur in Abendkursen nach und wurde nach vierjährigem Fernstudium Exportkaufmann. Seine Berufstätigkeit führte ihn in Länder Asiens und Nordafrikas, wo er die Probleme der Dritten Welt kennenlernte. Nach dem Dienst in der Volksarmee der DDR begann seine innere Loslösung vom Staat, die dazu führte, daß er 1972 wegen versuchter "Republikflucht" verurteilt und 1973 nach einjähriger Haft von der Bundesrepublik freigekauft wurde. Während seiner DDR~Zeit veröffentlichte er kleinere Texte und Gedichte. 1974 begann die Arbeit an seiner ersten größeren Erzählung "Tadiki".

Klaus Kordon lebt heute mit seiner Familie wieder in seiner Heimatstadt Berlin.


Seit 1980 ist er freiberuflich tätiger Autor, der mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurde:

  • Friedrich-Gerstäcker-Preis (1982)
  • Preis der Leseratten des ZDF (1982)
  • Sonderpreis des Senats der Stadt Berlin (1984)
  • La vache qui lit (1985)
  • Roter Elefant (1985)
  • Preis der Leseratten (1985)

Kleine Auswahlbibliographie

  • Tadiki. Hamburg (Dressler) 1977
  • Die Einbahnstraße. Stuttgart (Spectrum) 1979
  • Monsun oder Der weiße Tiger. Weinheim (Beltz & Gelberg) 1980
  • Einerwie Frank. Weinheim (Beltz & Gelberg) 1982
  • Zugvögel oder Irgendwo im Norden. Stuttgart (Spectrum) 1983
  • Die roten Matrosen oder Ein vergessener Winter. Weinheim (Beltz & Gelberg) 1984
  • Wie Spucke im Sand. Weinheim (Beltz & Gelberg) 1987
  • Mit dem Rücken zur Wand. Weinheim (Beltz & Gelberg) 1990
  • Der erste Frühling. Weinheim (Beltz & Gelberg) 1993

Meine ersten Schreibversuche waren für Erwachsene ...
Dann hatte ich allerdings ein Erlebnis: Als mir in Indonesien ein 13jähriger Bettler über den Weg lief, sprach er mich an. Sein Bettelspruch lautete: »No mama, no papa, no television« Wenn einer, der so arm ist, keine Eltern, keinen Fernseher besitzt, dann ist das schon ein Hammer.
Ich fragte ihn, wie er lebt. Er erzählte ... Und da hab' ich zum ersten Mal gedacht, man müßte ein Buch machen über Jugendliche in diesen Ländern.
Klaus Kordon
Man darf auch Kinder ››beunruhigen«. Sie sind es ohnehin. Einmal in der Woche Tagesschau reicht aus. Nur ist das keine ››erklärende Beunruhigung«, sondern eher eine kopflos machende. Für mich steht fest: Auch in Büchern für Kinder darf nichts verschont, verniedlicht werden - aber alles sollte (soweit möglich) erklärt werden. Sie haben auch dann noch genug zu ››schlucken«, es wird ihnen auch dann noch nicht ››schmecken«, sicher aber wird es sie verändern, ohne hilflos zu machen.
Klaus Kordon
Es gibt nichts Schöneres, als daß ein Leser sich hinsetzt und dem Autor eines soeben gelesenen Buches schreibt. Das heißt doch, das Buch hat ihn beschäftigt, ihn irgendwie nicht losgelassen. So etwas machen nur ganz wenige Erwachsene. Darum ist es auch so dankbar, für Kinder und Jugendliche zu schreiben. Diese Erfahrung, daß man mit Büchern etwas erreichen kann, motiviert mich. Natürlich glaube ich nicht, daß man mit Büchern die Welt verändert. Den Traum haben sich alle Autoren abgeschminkt. Aber ich denke, daß ich ein Körnchen dazu beitragen kann, sich mit bestimmten Sachen etwas näher auseinanderzusetzen. lch bin überzeugt, daß alle meine Bücher, die ich als Kind las, mich geformt haben. Ob das Erich Kästner war oder Jack London, Mark Twain, Jules Verne oder der DDR-Autor Benno Pludra.
Klaus Kordon
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