Manchmal gehört mir die ganze Welt

Mecka Lind

Flucht vor Lieblosigkeit

Spannender Roman über Straßenkinder in Kopenhagen.Sanne versteht sehr gut, daß Mamma einen Mann im Haus haben will, der das ganze Elend mit ihr teilt, wie sie immer sagt. Was sie allerdings nicht versteht, ist, warum sie nie einen netten, ordentlichen kennenlernt, sondern immer nur diese gewalttätigen, unberechenbaren Typen, mit denen sie sich ständig einläßt Für die dreizehnjährige Sanne aus Kopenhagen ist klar, ihre Mutter will sie nicht haben, deshalb lebt sie nun auf der Straße. Eines von vielen Straßenkindern im perfekt organisierten Wohlfahrtssystem Skandinaviens.

Die schwedische Autorin Mecka Lind recherchierte im ärmsten Stadtteil Kopenhagens. Vesterbro. über das Leben der jüngsten Outcats. Etwa 1000 bis 1500 Straßenkinder, meist im Alter von 14 bis 16 Jahren, gibt es dort, wie auch in anderen europäischen Großstädten. Ihre Erfahrungen verdichtete die Autorin in einem Jugendroman, der typische Schicksale von Mädchen, die auf der Straße leben, wiederspiegelt.

Sanne wurde von der Mutter mit drei Jahren in ein Heim abgeschoben. Krank vor Sehnsucht nach der Liebe ihrer Mutter, kehrt sie immer wieder nach Hause zurück, wo sie nur stört. Sanne kennt sich aus, dem Gewaltausbruch eines Freundes der Mutter kommt sie mit der Bratpfanne zuvor.

Die Autorin erzählt sehr dicht an dem existentielien Erfahrungshorizont ihrer Figuren. Da ist einmal die Kälte, vor der Sanne und die anderen Jugendlichen Schutz suchen müssen und die tägliche Frage, wo kann ich heute schlafen und wo bekomme ich etwas zu essen. Da gibt es nur begrenzte Möglichkeiten, aber Straßenkinder sind notgedrungen findig. Klauen und Betteln sichern den Unterhalt, vor der wichtigsten Einnahmequelle, der Prostitution auf dem Strohmarkt, schreckt Sanne zurück, und sie erfährt bei ihrer Freundin, wie schlecht es einem da gehen kann.

Die Zeit wird fließend, es gibt keine festen Strukturen mehr, aber jeder Tag ist eigentlich schon programmiert. Das Leben auf der Straße bedeutet Flucht vor der Polizei und Angst, erwischt zu werden. An Sannes Leben werden die immer enger werdenden Zwänge deutlich: Das Risiko der Mißhandlung und Vergewaltigung und die Abhängigkeit von Drogenhändlern.

Unter solchen Lebensbedingungen echte Freundschaften zu binden, ist schwierig. Wem kann man vertrauen und wer erwiedert das eigene Vertrauen? Vieles ähnelt sich im Leben der Straßenkinder in reichen und armen Ländern. Der Hauptunterschied liegt wohl in den Ursachen, warum Kinder überhaupt auf der Straße leben.

In einem Land wie Dänemark, das über ein ausgebautes Sozialsystem verfügt, sind es nicht materielle Probleme, die Kinder auf die Straße treiben, sondern die seelische Überforderung der Eltern mit ihrem eigenen Leben und ihre Unfähigkeit, ihren Kindern ein Zuhause zu geben, Zeit zu finden, sich mit ihren Kindern auseinanderzusetzen, zuzuhören. Ein Stück Aufklärung für alle, die von der Freiheit auf der Straße traäumen.

Die Autorin

Mecka Lind wurde am 27. 08. 1942 in Lund, einer kleinen Universitätsstadt nahe Malmös, unehelich geboren. Sie wuchs bei ihrer Großmutter auf. Mecka liebte ihre fantasievolle Großmutter, die "eine gute Erzählerin war, und wünschte sich, daß diese stolz auf sie würde.

Um dieses Ziel zu erreichen plante sie Zirkusprinzessin zu werden. Doch nach 3 erfolglosen Jahren des Übens beschloß sie, es als Sängerin zu versuchen; doch auch dieser Wunsch scheiterte. Schließlich war es die Großmutter, die ihr erklärte, daß sie nicht singen konnte.
Nun wendete sich Mecka dem Schreiben von Geschichten zu und konzentrierte sich auf das Verlassen von neuen Texten zu alten Melodien. Dabei endlich hatte sie Erfolg. Ein schwedischer Radiosender veröffentlichte einen dieser Texte, versah ihn aber mit einer neuen Melodie. Mecka war dreizehn, als ein Jahr später die erste Schallplatte erschien.

Als sie nach Schweden zurückkehrte. ließ sie sich als freiberufliche Schriftstellerin nieder, die für Zeitungen, Radiostationen, Werbeagenturen und das Fernsehen schrieb. Über das Fernsehen ärgerte sie sich besonders, da sie immer häufiger ihre Geschichten nicht wiedererkannte. So beschloß sie mit Ende dreißig, ein Buch zu schreiben. Was lag näher, als über ihre Großmutter und sich selbst zu schreiben. Und so entstand ihr erstes Kinderbuch.


Mecka Lind war als Kind sehr schüchtern. Sie beschreibt heute ihre Rolle in der Kindheit als die einer Außenseiterin, die wenig Kontakt zu Gleichaltrigen hatte. Sie sagt:
››lch glaube, ich möchte den Außenseiterkindern eine Stimmegeben, da ich selbst eine Außenseiterin war und bin. Ich schreibe über Kinder, die auf die eine oder andere Art Außenseiter sind, denn wir verstehen uns«.
Mit sechzehn verließ Mecka Lind die Schule, arbeitete zehn Jahre in drei verschiedenen Werbeagenturen für die sie zeichnete und textete. Mit fünfundzwanzig entschloß sie sich, Schriftstellerin zu werden.
››lch wußte, daß ich schreiben wollte, aber ich wußte nicht was und wo«.

Und so arbeitete sie zunächst einmal als Fremdenführerin in Spanien.

Mecka Lind hat bereits 12 Bücher geschrieben, von denen 7 ins Deutsche übertragen sind. Neben ihrer Arbeit an ihren Veröffentlichungen hält sie Lesungen in Schulen und leitet Schreibwerkstätten für Kinder.


Folgende Bücher sind bisher in deutsch erschienen:

  • Zuhause in einem fremden Land, Boje 1990
  • Johanna und der Kater Alfred, Georg Bitter Verlag 1991
  • Der Hahn auf Brautschau, Boje 1991
  • Manchmal gehört mir die ganze Welt, Arena 1992
  • Mama zieht Leine, Boje 1993
  • Prickelina Pieks hebt ab, Boje 1993
  • Sigge Jönsson - deutscher Titel in Vorbereitung, Spectrum 7994
Hansestadt Buxtehude | Bahnhofstraße 7 | 21614 Buxtehude