Annas Geschichte

Urs M. Fiechtner

Die Geschichte einer Verschwundenen: So ist es beinahe unterkühlt im Untertitel formuliert. Annas Schicksal steht beispielhaft für das Leben vieler Menschen, die plötzlich in die brutale Maschinerie einer lateinamerikanischen Militädiktatur geraten. Daß das Muster des Nazi-Terrors unserer jungen Vergangenheit durchscheint, liegt gewiß in der Absicht des Autors. der sich seit Jahren in den Menschenrechtsorganisationen engagiert.

Als Studentin führt Anna ein unbeschwertes Leben in einer südamerikanischen Großstadt. Von den Aktionen des Widerstands gegen die Willkür der Machthaber erfährt sie zunächst nur sporadisch. Dann lernt sie Rodrigo kennen, verliebt sich in ihn. Die beiden heiraten und erleben eine kurze Phase intensiven Glücks. Anna wird schwanger. lhr Bewußtsein ist schärfer geworden. Sie will nicht länger schweigend die Ungerechtigkeiten hinnehmen, die die Junta Tag für Tag den Menschen zutügt, und sie mischt sich ein. Daß Claudia und sie in die Hände der Militärs fallen und nun zu den „verschwundenen“ gehören, jenen aus politischen Gründen Gefangenen, von denen niemand in der Öffentlichkeit spricht: Das ist von grausamer Logik.

ln vierundzwanzig Szenen schildert Urs M. Fiechtner Annas Geschichte. Eine authentische Geschichte, deren Fakten und Zeugen der Autor in einem Nachwort benennt (verschlüsselt natürlich, um sie nicht zu gefährden). Sie erzählt von Demütigung und Folter und jener menschenverachtenden Gewalttätigkeit, die zum barbarischen Wesen jeder Diktatur gehört. Sie erzählt aber auch von Menschen wie Anna, die in ihrem Zorn und ihrer Verzweiflung die Angst überwinden und ihr Leben einsetzen für das Leben der anderen. Ein Rimbaud-Zitat steht da als Motto: „lm Morgenrot, gewappnet mit glühender Geduld, werden wir in die glänzenden Städte einziehen“. Also auch eine Geschichte von der Hoffnung? Ja, trotz allem. Und hoffentlich erhellt sie viele Köpfe!


Stimmen zum Buch

Annas Geschichte ist eine sehr menschliche Mädchengeschichte und zugleich eine politische Erzählung. Anna ist eine junge Frau, noch nicht zwanzig Jahre alt. Sie führt das unbeschwerte Leben einer weltotfenen Studentin in einer turbulenten lateinamerikanischen Großstadt. Nur ganz am Rande bekommt sie etwas von den Aktionen des Widerstandes gegen die herrschende Militärdiktatur mit, in die ihre Mutter und Claudia, ihre temperamentvolle jüngere Schwester, verwickelt sind. Die hübsche Anna, die Träumerin, die gerne Gedichte schreibt, scheint nicht geschaffen für das kämpferische Geschäft der Politik.

Rodrigo, Medizinstudent und Mitglied einer Widerstandsgruppe der Universität, lernt allerdings auch eine andere Seite von Annas Wesen kennen. Sie will nicht nur träumen von einem besseren Leben für alle Menschen, sie will sich auch einsetzen für die Verwirklichung ihrer Träume. Rodrigo nimmt Anna mit in die Elendsviertel der Großstädte, wo sie beide in autopferungsvoller Arbeit versuchen, den Armen und Entrechteten beizustehen in deren Not. Von seinen Aktionen im Widerstand hält aber auch Rodrigo das Mädchen fern. Anna verliebt sich in ihn, wird schwanger. Sie erleben zusammen die kurze Zeit sehr intensiven Glücks, bis Anna und ihre Schwester von der Geheimpolizei des Militärregimes verschleppt werden.

Urs M. Fiechtner hatte sich bisher vor allem als Lyriker einen Namen gemacht. In seinem ersten Jugendroman nun erzählt er vom Schicksal einer jungen Frau, die der wohl grausamsten Art politischer Verfolgung ausgesetzt ist: Sie wird in ein geheimes Konzentrationslager gebracht, von dessen Existenz nur eingeweihte Kreise des Regimes wissen. Für alle ihre Angehörigen und Bekannten gilt sie seither als verschollen.

Annas Geschichte ist keine Erfindung. Urs M. Fiechtner hat viele Jahre in Lateinamerika gelebt. ln seiner Erzählung kann er sich auf seine persönliche Kenntnis des Landes und seiner Menschen stützen. Außerdem steht ihm umfangreiches dokumentarisches Material über Schicksale politisch Verfolgter zur Verfügung, das ihm als Mitarbeiter internationaler Menschenrechtsorganisationen zugänglich ist. lm Mittelpunkt des Romans steht Annas Überlebenskampt in den Gefängnissen des Militärregimes. Fiechtner zeichnet dabei das Portrait einer jungen Frau, die im Widerstand gegen physische und psychische Folter ihre innere Integrität zu wahren und auch ihre Mitgetangenen noch zu unterstützen versteht. Sein auffallendes literarisches Talent beweist der junge Autor dabei besonders in jenen Passagen, in denen er äußere Handlungsspannung mit subtiler Gestaltung des seelischen und emotionalen Erlebens der Akteure verbindet. Annas Widerstandshaltung erwächst aus sehr persönlichen Erfahrungen von Leid und Unmenschlichkeit. Damit bündeln sich in ihrer Geschichte die Erfahrungen vieler junger Menschen in den lateinamerikanischen Ländern - und nicht nur dort. Zum besonderen Einzelfall wird Annas Geschichte durch den Schluß: Anna, ihre Schwester und ihre Mutter kommen mit dem Leben davon. Und Anna führt einen verzweifelten Kampf um das Kind, das sie im Gefängnis geboren und das man ihr weggenommen hat. Jetzt, da man ihr überraschend die Freiheit wiedergegeben hat, setzt sie alles daran, das Kind wiederzugewinnen. Die glückliche Wende ist sicher die Ausnahme von der Regel unter den politischen Verhältnissen, von denen Fiechtner erzählt. Doch ist es gerade das Ausnahmeschicksal, das Mut geben kann und Hoffnung.

Rheinische Post vom 12. 12. 1985

Der Autor

Urs M. Fiechtner, geboren 1955 in Bonn, aufgewachsen in Lateinamerika, ist einer derganz wenigen selbständigen, also „hauptberufllchen" Schriftsteller seiner Generation. 1976 gründete er in Ulm das deutsch-lateinamerikanische „Autorenkollektiv 79" und veröffentlichte seitdem als Autor, Herausgeber und Übersetzer gemeinsam mitden Kollektivmitgliedern über ein Dutzend Lyrik- und Prosabände. Ausgedehnte Vortragsreisen im ln- und Ausland brachten ihm den Ruf eines hervorragenden Interpreten lyrischer Texte ein.

Obwohl er schon seit vielen Jahren in der Bundesrepublik Deutschland lebt - zunächst in Köln, später in Starnberg bei München, heute in Ulm - hat er die Beziehung zu Lateinamerika nie ganz verloren. Lateinamerikas Geschichte und Gegenwart bilden den Hintergrund zu vielen seiner Gedichte und Prosaskizzen, gleichzeitig beschäftigt er sich oft und gerne mit der Übertragung lateinamerikanischer Poesie in unsere Sprache. ln vielen seiner Arbeiten, in seinem ausdrucks- und bildkräftigen Sprachstil (Jean Améry über Fiechtner: „Hier wird das Wort selbst Ereignis, nicht nur als Wort, sondern als einbrechendes Geschehen...") finden sich Elemente der hispanoamerikanischen Literatur wieder. Fiechtner, der sich keineswegs als weltabgewandter Literat sieht, hat durch seine Verbindungen nach Lateinamerika und seine langjährige Mitarbeit bei der Menschenrechtsorganisation amnesty international Einblick in Dokumente und Zeugnisse der politischen Realität, die von ihm in seine Sprache „übersetzt" werden. Er kann sicherlich als Vertreter der „poesie engagée" bezeichnet werden, der engagierten Dichtung also, auch wenn er sich trotz der hohen Anzahl seiner Veröffentlichungen bewußt abseits des deutschen Literaturmarktes gehalten hat und ihm jegliche Form der Einordnung und Etikeltierung widerstrebt. Er vertraut darauf, daß seine Sprache, derZeitungskritiker attestieren, daß sie „aufrüttelnd ist, zuweilen zärtlich, zuweilen von tiefschwarzem Sarkasmus geprägt", oder „hart treffend, vollendet akzentuiert, dennoch gleichzeitig schön und von seltener Musikalität" von selbst „erwachsen wird und sich durchsetzt" auch ohne die Protektion des Literaturgetriebes und seiner Rezensenten.

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