Die unendliche Geschichte

Michael Ende

„Phantasien und zurück“

Michael Ende, Autor von „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“, für „Momo“ 1974 mit dem Deutschen Jugendbuchpreis ausgezeichnet, hat eine „unendliche Geschichte“ geschrieben. Es ist die Reise in das Land Phantasien, aus dem fast kein Reisender wiederkehrt, ein Land, das längst vergangenen Tagen auch ein gewisser Schexpir besucht hat. Felsenbeißer und Irrlichter, blaue Elefanten und der Vogel Greif geben sich hier ein Stelldichein. Die Namen sind spielerische Verrücktheiten. So leben der Felsenbeißer Pjörnrachzareck, der Winzling Ückück oder die Grünhaut Atreju ine einer Umgebung von Brodelbrüh-Seen und Moder-Mooren, von Nachtwäldern und Silberstädten.

Erzählt wird die Geschichte eines zehn- oder elfjährigen Jungen Bastian, der in einem Antiquariat ein Buch entdeckt, in dem der Buchhändler gerade liest. Von diesem Buch scheint eine magnetische Kraft auszugehen, und in einem unbeobachteten Augenblick – der Antiquar eilt zum Telefon – stiehlt Bastian das Buch und zieht sich zu einer inneren Odyssee in den unbenutzten Schulspeicher zurück. An dieser Odyssee nimmt der Leser teil, aber zugleich auch an den düsteren Gedanken an die Schule und den Vater, die Bastians Lektüre begleiten. Dabei bleiben Außenwelt und Innenwelt getrennt, im Buch durch rot und grün gedruckte Schrift, unterschieden. Während die von ihm bewunderte Grünhaut Atreju die kühnsten Abenteuer vollbringt, „waren (Bastian) die Beine eingeschlafen. Er war eben kein Indianer.“

Allmählich aber werden die Lockungen des Buches immer stärker, immer mehr gerät Bastian in dessen Sog. Und wenn die Helden der unendlichen Geschichte ihre Mahlzeiten einnehmen, zieht Bastian sein Pausenbrot aus der Tasche und ißt mit. Als die Grünhaut Atreju (ebenfalls ein Junge von zehn oder elf) ihr Pferd verliert, weint er stellvertretend für ihn und uns. Schließlich werden seine Warnrufe in der unendlichen Geschichte gehört, und zuletzt tritt er ganz in das Recih der Phantasie ein. Dick und unbeliebt, begibt er sich gerne auf die Flucht vor sich selbst, will zunächst all das sein, was er nicht ist. Doch dann wird er von seinen Freunden, dem Indianerkind Atreju, und einem Glücksdrachen, behutsam zu der Erkenntnis geführt, daß die Erfüllung der Wünsche nicht auch notwendig die Erfüllung seines Glückstraumes bedeutet, daß die Möglichkeit zur totalen Willkür schon bald zu einer fristigen Beliebigkeit wird und Tarzan sich in seinem Dschungel ganz einfach entsetzlich langweilt.

Nach zahlosen Abenteuern, als Bastian sich schon kaum mehr von Phantasien lösen kann, erfährt er endlich bei der Dame endlich bei der nur eine embyronale Haltung zuläßt, um vergessene Kindheitsträume herauszuholen, und ißt von den Früchten, die Aiuola wie Milch spendet. Damit gelingt ihm die Rückkehr in die Wirklichkeit. Er verläßt die unendliche Geschichte, verläßt auch den Schulspeicher und kehrt zu seinem Vater zurück. Freilich sind damit noch nicht alle Berechnungen aufgezählt. Nicht nur der Antiquar Koreander, Bastian und der Leser lesen in dem Buch, sondern auch der Alte vom wandernden Berge in Phantasien liest das Buch. Bastian liest also, wie er aus dem Antiquariat das Buch gestohlen und sich in den Schulspeicher geflüchtet hat. Als der Alte vom wandernden Berge liest, wie der Alte vom wandernden Berge liest, droht die ewige Wiederholung. Erst durch ein von Bastian gegebenes Losungswort findet die Geschichte Fortsetzung. Den Reiz des Buches macht aus, daß der Satz „Die Phantasie ist Macht“, vor etwa zehn Jahren (von Erwachsenen) an Pariser Mauern geschrieben, nicht angetastet, die Phantasie aber einer „Einbildungskraft“, die ins Vage geht“ (Goehte) enthoben wird. Aufgerufen wird zu jeder Phantasie, die Kinder ursprünglich haben, solange sie ihnen nicht bei der schleichenden Anpassung an die Erwachsenheit verlorengeht. Gerade deshalb bleibt bei der die Welt Phantasien phantastisch, weil hinter jedem Blitz unser aller Wirklichkeit aufleuchtet. Wenn plätzlich ein See ohne Grund austrocknet und dort „nichts“ mehr ist, so denkt man an entwässerte Teiche und Moore. Und wenn mit den Tränen und dem Leid der traurigen häßlichen Acharai die Silberstadt Amarganth gebaut wird, so ist das siebentorige Theben nicht weit. Die Wüste Gobi heißt Goab, und es gibt Winde, die nicht Mistral und Schirokko heißen, sondern Schirk und Mayestril.
Anders ist diese Welt also schon, wenn es etwa heißt: „Das Schicksalsgebirge konnte erst dann von einem Gipfelstürmer bezwungen werden, wenn der vorhergehende, der es vermocht hatte, ganz und gar vergessen war und auch keine steinerne oder eherne Inschrift mehr von ihm zeugte. So war jeder, der es vollbrachte, immer der erste. Diese Art von Erkenntnis hatte nicht nur dem polsüchtigen Scott das Leben bewahrt.

Zum Schluss wird das Paradoxon der unendlichen Geschichte noch einmal paradoxiert. Als Bastian das gestohlene Buch zurückbringen will, kann er es nirgends entdecken, und als er zum Antiquar eilt, ihm sein Vergehen gesteht, hat dieser von einem solchen Buch nie etwas gehört.

Der Autor

Michael Ende geboren am 12. November 1929 in Garmisch-Partenkirchen, als Sohn des Kunstmalers Edgar Ende. Edgar Ende (1901-1965) war einer der ersten deutschen Surrealisten. Michael Ende wächst auf in der Schwabinger Bohème unter Malern, Bildhauern, Literaten und deren Kinder.


Andreas Steinhöfels erstes Buch war ein Zufallstreffer: Er las einen Kinderroman und ärgerte sich.

  • 1941
    Wird der Vater eingezogen und bleibt bis Kriegsende Flak-Soldat im Raum um Köln.
  • 1943
    Werden wegen der zunehmenden Luftangriffe die Münchener Schulen evakuiert. Michael Ende kommt mit der sogenannten „Kinderlandverschickung" wiederum nach Garmisch.
  • 1943
    Hatte er zu schreiben begonnen, hauptsächlich Gedichte und kleine Erzählungen, aber sein Wunsch ist es, für das Theater zu schreiben. Ein Studium an der Universität ist jedoch aus finanziellen Gründen ausgeschlossen, darum entscheidet er sich für die praktische Laufbahn.
  • 1944
    Brennt das Atelier des Vaters in München mit etwa 500 Bildern ab. Die Mutter wird in eine Wohnung am Stadtrand eingewiesen. Im letzten Kriegsjahr werden die Vierzehn- und Fünfzehnjährigen aus der Kinderlandverschickung zur Wehrmacht und manche auch zur Waffen-SS eingezogen und den amerikanischen Panzern entgegengeschickt. Drei Klassenkameraden fallen gleich am ersten Tag ihres Einsatztes. Als Michael Ende seinen Stellungsbefehl bekommt, zerreißt er ihn und schlägt sich zu seiner Mutter nach München durch.
  • 1946
    Das Gymnasium nimmt seine Lehrtätigkeit wieder auf, aber Michael Ende bleibt dort nur noch ein Jahr, denn durch die finanzielle Patenschaft von Bekannten bekommt er die Möglichkeit , die letzten zwei Schuljahre an die wiedereröffnete Freie Waldorfschule in Stuttgart zu gehen.
  • 1948
    Macht er die Aufnahmeprüfung an der Schauspielschule Otto Faickenberg der Münchner Kammerspiele.
  • 1950
    Die Ausbildung wird abgeschlossen, und er geht als Anfänger an die Landesbühne Schleswig-Holstein in Rendsburg. Doch sein Ziel ist ja das Schreiben, und so kehrt er schon nach einer Spielzeit mit einer Komödie, die er inzwischen verfaßt hatte, nach München zurück. Leider will niemand das Stück haben. In der Silvsternacht 51 auf 52 lernt Michael Ende seine spätere Frau, die Schauspielerin Ingeborg Hoffmann kennen. Durch sie findet er Kontakt zu verschiedenen politisch-literatischen Kabaretts, die gerade ihre beste Zeit haben („Die kleinen Fische", „Lach- und Schießgesellschaft"). Er schreibt Sketche, Chansons, Soli.
  • 1958
    Die Eltern haben sich inzwischen getrennt. Die finanziellen Verhältnisse werden immer finsterer. Gleichzeitig kommt es zu einer künstlerisch-literarischen Krise. Die Auseinandersetzung mit den kunst- und theatertheoretischen Schriften Brechts – sie dauert vier Jahre – führen M.E. In einen Engpaß, in dem er keinen Schritt mehr weiter kann. Er beschließt das Schreiben aufzugeben. Eine letzte Chance gibt er sich noch. Er will versuchen, etwas „ganz anderes" zu machen, etwas, das mt der strengen Doktrin des großen Meisters nichts zu tun hat. Ein flüchtiger Bekannter, ein Grafiker, hat ihn um einen Bilderbuchtext gebeten. Also beschließt er, ein Bilderbuch zu schreiben. Er überläßt sich einfach der Lust am Fabulieren ohne Plan, ohne Absicht. Nach über einem Jahr ist ein dickes Manuskript entstanden: „Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer". Die nächsten anderthalb Jahre wird das Manuskript von einem Verlag zum anderen geschickt – es sind über zehn – und jeder schickt es mit Vermerk „...paßt leider nicht in unser Verlagsprogramm" zurück. Schließlich kommt es in die Hände von Lotte Weitbrecht, der damaligen Leiterin des Thienemann Verlages. Sie mag die Geschichte und nimmt sie an. Einzige Bedingung: Das dicke Manuskript muß so umgearbeitet werden, daß man zwei Bände daraus machen kann.
  • 1960
    Erscheint der erste Band und wird 1961, während der zweite Band erscheint, mit dem Deutschen Jugendbuchpreis ausgezeichnet. Übersetzungen in vielen Sprachen.
  • 1970-71
    Ankauf einer Villa in Genzaro, südlich von Rom, 1972 entsteht hier der Märchen-Roman „MOMO", der 1973 bei Thienemann erscheint. Das Buch ist zunächst ziemlich umstritten, erhält aber 1974 – mit einer Stimme Mehrheit im Gremium – den Deutschen Jugendbuchpreis. Das Buch setzt sich langsam, aber von Jahr zu Jahr zunehmend durch. Inzwischen ist es in über zwanzig Sprachen übersetzt.
  • 1977
    Reise nach Japan mit entscheidenden Eindrücken vom Kabuki- und No-Theater. Im selben Jahr Beginn der Arbeit an dem Buch „Die unendliche Geschichte", die zwei jahre dauert. Das Buch erscheint im Herbst 1979.
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