Und im Fenster der Himmel

Johanna Reiss

Annie war sechs, als die bedrohlichen Nachrichten aus dem Radio kamen, als der endlose Streit zwischen ihren Eltern begann, ob es nicht besser wäre, nach Amerika auszuwandern, solange noch Zeit sei. Annie wurde neun und plötzlich war es zu spät. Deutsche Trupen waren in Holland einmarschiert, Juden durften das Land nicht mehr verlassen. Für Annie und ihre ältere Schwester Sini beginnen die endlosen Jahre, da sie von einem Versteck zum anderen ziehen. Annie beschreibt die Angst, die endlosen Tage in der engen Dachkammer, die Sehnsucht nach frischer Luft, nach Umertollen, die kleinlichen Zänkereien mit ihrer Schwester, den panischen Schrecken nächtlicher Hausdurchsuchungen.

„Wie Sie wissen, ist das Buch „Und im Fenster der Himmel" meine Geschichte, als ich als kleines jüdisches Mädchen während des Zweiten Weltkrieges in Holland lebte und mich verstecken mußte, um am Leben bleiben zu können. Es handelt von der Angst vor deutschen Soldaten, von der Angst vor Deutschland, so wie es damals war.

Nun haben wir 1976 und ich bin Gast in Ihrem Land. Mehr als nur ein Gast, ich bin Gewinnerin des Buxtehuder Bullen. Es war nicht einfach, dieses Buch zu schreiben, so wie es sicher nicht leicht für die Jury war, solch einem Buch den Buxtehuder Bullen zu verleihen.

Vor meiner Abreise nach Europa bin ich sehr unsicher gewesen, ich fragte mich, was ich hier soll, was das alles bringen würde. Schließlich habe ich jene Jahre nicht vergessen. Welche Gefühle würden mich auf dieser Reise begleiten, da ich vorher nie in Deutschland gewesen bin. Ich bin froh, daß ich gekommen bin. Ebenso froh bin ich, daß das Buch „Und im Fenster der Himmel", das ich für meine Töchter Kathy und Julie geschrieben habe, von vielen anderen Kindern gelesen wurde. Ich hoffe, sie haben einen Eindruck bekommen, der nicht von Haß und Verbitterung begleitet ist. Vielleicht kann eine Brücke zueinander gebaut werden, so wie wir es heute Nachmittag getan haben. Das gibt mir Hoffnung, daß es nie wieder nötig sein wird, ein Buch wie „Und im Fenster der Himmel" zu schreiben. Danke sehr für diesen Tag und diese Ehre. Liebe und Frieden für alle."

Danksagung von Johanna Reiss nach der Verleihung des Buxtehuder Bullen am 19. März 1976

Die Autorin

Johanna Reiss wurde 1932 oder 1933 in Holland geboren. Nach dem Einmarsch der Deutschen in Holland war sie und ihre Familie wegen ihrer jüdischen Abstammung der Verfolgung durch die Nazis ausgesetzt. Monatelang wurde ihre Familie von einem holländischen Ehepaar versteckt; sie wurde nicht – wie Anne Frank – entdeckt und konnte nach dem Kriege in den Vereinigten Staaten eine neue Existenz aufbauen. Johanna Reiss lebt heute mit ihren zwei Töchtern in New York, wo sie als Redakteurin beim „Atlas Magazine" arbeitet. Die engagierte Pazifistin: „Krieg ist unmenschlich, Haß auf eine Gruppe von Menschen bedeutet den ersten Schritt zu einem Krieg" - bekam für ihr Buch „Und im Fenster der Himmel" außer dem Buxtehuder Bullen auch die „Newbery Medal in Silber".

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