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Die Geschichte des Buxtehuder Bullen

Winfried ZiemannWinfried Ziemann (†2010)

So fing es an:

Als ich 1970 – aus Berlin kommend – seit ein paar Monaten meine Buchhandlung in Buxtehude betrieb, entschloss ich mich, einen Jugendbuchpreis zu stiften, bei dem paritätisch jugendliche und erwachsene Leser entscheiden sollten, wem der jährliche Preis zuerkannt werden sollte. Jeder, der bereit war, sich kritisch lesend mit Neuerscheinungen auf dem Jugendbuchmarkt zu beschäftigen, sollte eine Chance haben, in dieser Jury mitzuwirken.

Lediglich ein bisschen Losglück sollte dazugehören für den Fall, dass sich mehr Bewerber zur Verfügung stellten, als Plätze in der Jury vorhanden waren.

So war die eine Hälfte des Problems gelöst. Die andere Hälfte bestand darin, für diesen Jugendbuchpreis einen Namen bzw. eine Symbolfigur zu finden. Fest stand für mich, dass Buxtehude als meine neue Heimatstadt im Namen des Preises vorkommen sollte.

Ferdinand steht Pate

Ich entschied mich, nach Möglichkeit eine Lösung mit Hilfe einer Alliteration zu finden. Und bei der Suche nach ihr stieß ich auf ein mir seit vielen Jahren bekanntes und von mir geliebtes Bilderbuch des Amerikaners Munro Leaf, das in der 1937 erstmals publizierten Ausgabe „The Story of Ferdinand“ hieß, in deutscher Übersetzung seit langer Zeit u. a. im Diogenes-Verlag unter dem Titel „Ferdinand“ vorliegt.

Dies ist die Geschichte eines jungen Stieres, der, wiewohl er der kräftigste seiner Altersgenossen ist, die Aufgabe in der Arena zu Madrid als Stier im Stierkampf mitzuwirken, verweigert, und von den Picadores wieder auf seine grüne Wiese zurückgebracht werden muss. Dieser Stier Ferdinand, stark und friedfertig, schien mir eine gute Symbolfigur zu sein für einen Jugendbuchpreis, der andere Wege gehen wollte, als Preise bis dato gegangen waren, und so kam es zu dem Namen „Buxtehuder Bulle“.

Dieses führte im Laufe der über zwanzigjährigen Geschichte des „Bullen“ zu der einen oder anderen komischen Verwechslung. Es wurde auch schon einmal in der Medienberichterstattung über die Verleihung der „Goldenen Buxtehuder Bulle“ berichtet. All das hat aber nicht verhindern können, dass der „Bulle“ als Symbolfigur inzwischen bekannt und akzeptiert ist.

Der Bulle als Plastik

Glück hatte ich bei dem Versuch, nun auch eine dem Gewinner des „Bullen“ zu überreichende Plastik zu bekommen, dadurch, dass ich einen jungen Bildhauer kennenlernte, Reinhard Güthling, dessen Arbeiten ich bei einer Ausstellung gesehen hatte und dem ich vortrug, ob er bereit und in der Lage wäre, mir eine Serie von zunächst einmal 10 Plastiken – einen friedfertigen Bullen darstellend – zu schaffen.

Er bot mir zwei Lösungen an. Eine ganz realistische, die in einem Exemplar heute noch in meinem Besitz ist, und eine eher abstrakte, für die ich mich entschieden habe, und die er dann in 10 Exemplaren produziert hat. Zwischenzeitlich hatte ich mir weitere 7 Exemplare machen lassen.

Reinhard Güthling, mit einer Chilenin verheiratet, war nach Chile ausgewandert, nach einiger Zeit wegen der politischen Entwicklung dort wieder nach Deutschland zurückgekehrt. Ich traf ihn durch Zufall, und da die „Bullen“ langsam zur Neige gingen, fragte ich ihn, ob er in der Lage wäre, noch einmal eine Bullenserie zu produzieren. Er sagte zu mit dem Vorbehalt, dass er irgendwo auf dem Schrottmarkt jenes Stahlmittelstück, aus dem der Körper des „Bullen" gearbeitet ist, findet. Ursprünglich wurden diese Teile als Schaufensterumrahmung bei Kaufhäusern benutzt.

Er rief mich ein paar Tage später an, dass er noch einen Strang dieser Art hätte auftreiben können und dass er in der Lage wäre, weitere „Bullen“ daraus zu produzieren.

Ich erteilte ihm den Auftrag, und so sind wir auch heute noch in der glücklichen Situation, über lange Jahre hin jeder Autorin, jedem Autor bei der Preisverleihung einen originalen „Buxtehuder Bullen“ mit nach Hause geben zu können.

 

Winfried Ziemann ist am 16. November 2010 nach schwerer Krankheit im Alter von 76 Jahren gestorben. Der Schöpfer und ständige Begleiter des Buxtehuder Bullen hat mit diesem bundesweit bekannten Jugendbuchpreis das kulturelle Leben in Buxtehude stark geprägt.

 
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