Hinter vorgehaltener Hand

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Hinter vorgehaltener Hand

Das Buch

Mahnung gegen Folter und Gewalt. Es ist schon starker Tobak, den der Engländer James Watson mit seinem Buch „Hinter vorgehaltener Hand“ den Buxtehuder Lesern da präsentiert. Von Erschießungen über Massenverhaftungen bis hin zu Elektroschocks zeichnet James Watson ein drastisches Bild von Folter und Diktatur im südamerikanischen Chile. Doch seine plastische und gleichzeitig einfühlsame Erzählweise läßt keinen Zweifel aufkommen, daß ihm der Buxtehuder Literaturpreis gebührt.

Mit den Schüssen des chilenischen Geheimdienstes beginnt die Geschichte des Jungen Andres Laretta. Sein Vater, der berühmte Sänger Juan Laretta, wird verschleppt, sein Freund Horacio wird getötet. Er selbst kann knapp entkommen.

Am nächsten Tag sollten eigentlich Wahlen stattfinden. Miguel Alberti, „Silberner Löwe“ genannt, wird aller Voraussicht nach als Sieger hervorgehen. Alberti ist ein Präsidentschaftskandidat, der die Macht des Militärs schwächen und die Demokratie stärken will. Doch ehe die Wahl stattfinden kann, wird er erschossen und das Militär ruft den Belagerungszustand aus. Tausende werden verhaftet, gefoltert oder getötet.

Die Szenerie erinnert an den Militärputsch des General Pinochet, der mit Hilfe des amerikanischen Geheimdienstes CIA den sozialistischen Präsidenten Allende stürzte. Doch spielt Watsons Buch in der Zukunft, in der Allendes Sturz zur Geschichte Chiles gehört.

Auch der Sänger Juan Laretta stand auf der schwarzen Liste der Militärs. Offiziell heißt es, daß Juan Laretta bei einem Autounfall ums Leben kam. Aber was nützt Andres Laretta die Wahrheit, wenn er sie nicht aussprechen darf ohne Folter oder Tod zu riskieren. Doch auch in dieser gefährlichen Situation findet er Freunde, die ihm helfen können. Das Zwillingspaar Beto und lsa gewährt ihm Unterschlupf, ein amerikanischer Fotograf vertraut ihm Fotos über die Erschießung des Präsidentschattskandidaten an, ehe er. selbst verhaftet wird. Schließlich wird auch Andres gefangengenommen und fällt den Folterern in die Hände.

James Watson verschont seine Leser nicht mit brutalen Szenen, doch nie entsteht der Eindruck, daß hier jemand nach Effekten haschen will. Watson erzählt in einer klaren, fast etwas unterkühlten Sprache. Seine Personen stehen nicht als Funktionen eines politischen Lehrstückes da, sondern werden als runde, eigenständige Charaktere gezeichnet. Vor allem aber ist sein Buch spannend von der ersten bis zur letzten Seite.
Buxtehuder Bulle

Rudolf Herfurtner schreibt im Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatt Nr. 16, vom 19. April 1987:

Andres gibt nicht auf

Chile ist mehr als jedes andere lateinamerikanische Land Symbol der Hoffnung angesichts brutaler Militärherrschaft. Es hat sehr früh schon - nach der Revolution von 1891 – versucht, das patriarchalische System aufzulösen. Der Kampf ist nicht zu Ende. lm Augenblick herrschen wieder die Waffen und nicht Demokratie und Recht. Aber die Hoffnung lebt. Und so wird es auch immer wieder Bücher geben (müssen), die die Arbeit von amnesty international mit anderen Mitteln leisten. Chile bietet dafür das ideale Szenario.

James Watson erzählt in diesem zuerst 1983 in London erschienenen Roman keine authentische Geschichte „Chile irgendwann zwischen Gegenwart und Zukunft.“ Wahr sind die Ereignisse, sind die Elemente der Erzählung, die Bausteine des Schreckens. aber recht eigentlich ist es eine Geschichte, die so ahnlich wohl überall spielen könnte, wo die furchtbaren Lamefta-Clowns regieren und das Volk in Angst leben muß.

Überall gibt es diese brutale Soldateska, überall einen Ort wie das berüchtigte Stadion von Santiago, das mein Ministerpräsident seinerzeit so angenehm warm fand. Überall die Angst und das Mißtrauen, die Spitzel und Agenten und diese Folterverhore wie hier im „Haus des Gelächters“, wie die ironischen Chilenen es nennen. Überall aber gibt es auch Widerstand und Hoffnung auf morgen.

„Morgenl Morgen !" rufen die Anhänger von Miguel Alberti im großen Stadion. Morgen werden sie ihn wählen und damit der Freiheit den Boden bereiten. Aber wenig später ist Miguel ermordet, und das Stadion verwandelt sich in ein Konzentrationslager wie damals nach der Ermordung Allendes.

Auch der Protest-Sänger Juan Laretta wird nach einem brutalen Überfall ins Lager verschleppt, und sein 16 jähriger Sohn Andres wird zum Geiagten, weil er den Überfall überlebt hat. Mit ihm flieht und taumelt nun der atemlose Leser durch die Schrecken einer Militardiktatur.

Auf ieder Straße, an jeder Ecke muß Andres mit Entdeckung und Verhaftung rechnen. Kontaktpersonen, auf die er hofft, sind zerschlagen oder untergetaucht. Aber dennoch findet er immer wieder Hilfe und Anzeichen des Widerstandes: ein Zwillingspaar, das mit Marionetten über Land zieht und ihn aufnimmt, die Kirche, ein armer Bauer, ein Drucker oder ein amerikanischer Journalist, der ihm kurz vor seiner Verschleppung die Kamera mit einem Film voller Beweismittel zusteckt.

Es ist vor allem dieses Zeugnis, die Veröfientlichung der Zustande, in denen der Autor Watson Grund für Hoffnung sieht. So wichtig diese Fotos für die Geschichte sind, so wichtig sind Bücher wie dieses, die wenigstens in dertreien Welt nicht unter vorgehaltener Hand sprechen, sondern laut und eindringlich sagen, was passiert in Ländern, mit denen wir Geschäfte machen.

Wie so oft schon ist auch dieser neue Spectrum-Band keine leichte Kost. Hier wird wieder Literatur für mündige Jugendliche gemacht, die dem Leser nichts schenkt und nicht im Verdacht steht, den jungen Erwachsenen nicht ernst zu nehmen.

ln einer Welt, in der 16jährige solche Geschichten erleben müssen, können andere tôiàhrige solche Geschichten auch lesen.

 

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