Ein Haus für alle

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Ein Haus für alle

Das Buch

Das Leben bewahren

Als Ursula Wölfel kürzlich den Sonderpreis des Deutschen Jugendliteraturpreises für ihr in mehr als dreißig Jahren heranwachsendes Gesamtwerk erhielt, war ››Ein Haus für alle« noch nicht erschienen. Sie hätte allein für diesen Roman die Auszeichnung verdient. ln ihrem neuen Buch erzählt sie die Geschichtevon drei Generationen über einen Zeitraum von 1913 bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs hinweg. lm Mittelpunkt stehen die Freunde aus der Jugendbewegung im Ruhrgebiet und ihre unterschiedliche Entwicklung während des Dritten Reichs. Ursula Wölfel beschreibt, wie nationalsozialistische Weltanschauung unheilvoll in die Köpfe der Menschen einsickert, aber auch, wie die Aufrechten und Still-Tapferen Widerstand leisten: der Schrebergärtner wie die katholische Schwester, der Großvater im österreichischen Hochtal wie seine Tochter, die Frau eines hohen SS-Führers und Mutter von drei Kindern, von denen das eine behindert ist.

Dieser zeitgeschichtlich so reich verwobenen Roman fiele auseinander, gäbe es nicht die anrührende Geschichte des geistig zurückgebliebenen Robbi, der wie sein zwergwüchsiger Freund Moritz bei den Nonnen, solange es geht, Schutz findet. Robbi, dieser stotternde, unbeholfene, freundliche und nicht nur von der Familie, auch von deren Freunden geliebte Junge. ist die außerordentlich einprägsam gezeichnete Hauptfigur des Buches. An Robbi erweist sich die Menschlichkeit oder Unmenschlichkeit seiner Umgebung, an ihm Emule Wøåcel macht Ursula Wölfel die verheerende ldeologie der Nationalsozialisten deutlich.

Sie beschönigt nichts. Sie berichtet von der Not, insbesondere im Ruhrgebiet, dem Hauptschauplatz des Romans, bevor Hitler an die Macht kam. Sie beschreibt den Alltag eines Hitlerjungen oder einer Lehrerin, die ebenso »dagegen« ist wie ihr Lebensgefährte, der Buchdrucker, der auch nach der Bücherverbrennung noch Heine-Gedichte auf Flugblättern verteilt.

Die Praxis der Euthanasie, von der Robbi wie Moritz bedroht sind, beschreibt sie in erschütternden Bildern. Ursula Wölfel neigt dazu, in Gut und Böse einzuteilen: Hier der grausame SS-Mann, der seinen Sohn als ››lebensunwertes« Kind verleugnet und töten lassen will, dort die aufopfernden Freunde, die ihren Idealen treu bleiben. Aber Ursula Wölfel zeigt auch die Hintergründe der Mitläufer und Verführten auf, beschreibt, wie aus verstiegener Ethik Verbrechen wird. Sie versteht es auch, die Verwirrungen und Zweifel glaubhaft zu machen, die Robbis Mutter quälen, bis sie sich für ihr Kind und gegen ihren SS-Ehemann entscheidet.

Der Krieg, Bombenangriffe, Hunger und die Sorge um Angehörige lassen die alten Freunde noch naher zusammenrücken. Das alte Haus, das sie sich ausgebaut haben, wird zum Refugium. Ursula Wölfel erzählt unkompliziert und kraftvoll. Sie läßt ein Stück deutscher Geschichte an den

››Graswurzeln« erleben. lhre Chronik endet 1945. Bewahrung des Lebens, auch des beschädigten, ist das große Thema dieses Buches. Und optimistisch formuliert Ursula Wölfel, nachdem Robbi und alle um ihn herum gerettet sind, für die ››Stunde Null« den Satz: ››Das Leben fing noch einmal an«

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