Der gelbe Vogel

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Der gelbe VogelDas Buch

Wer ist Alan Silverman? Ja, natürlich, er ist einer von den ganz normalen Jungen, mit denen Jugendbücher anfangen, um dann von einem Erlebnis zu erzählen, das den normalen Jungen so durcheinanderbringt, daß er seine ganze Kraft zusammennehmen muß, um die Aufgabe zu meistern und am Ende anders ein bißchen mehr er selbst zu sein.

Dieses Entwicklungsschema benutzt auch Mynon Levoy in seinem Buch „Der gelbe Vogel“ - aber er erfüllt es mit einer literarischen Souveranität und einem psychologischen Einfühlungsvermögen, das man durchaus mit Tormod Haugen („Die Nachtvögel“) vergleichen kann. Das „Erlebnis“ für Alan ist ein gleichaltriges Mädchen, das eines Tages vor seiner Tür sitzt. Alan kennt sie, es ist die „Verrückte“ von oben mit der großen Angst in den dunklen Augen. Jetzt versperrt sie ihm den Weg. Kniet da und reißt Papier in kleine Fetzen. Als sie seinen Baseballschläger sieht, rennt sie schreiend davon. „Ganz schön bescheuert“.

Das ist peinlich, aber Alan hat`s überstanden. Denkt er. Denn zu Hause warten die Eltern mit der Bitte, daß er sich um das Mädchen Naomi kümmern soll. Sie hat zusehen müssen, wie die Nazis ihren Vater, einen Widerstandskämpfer erschlagen haben und fühlt sich schuldig, weil sie die Pläne mit den Fluchtwegen nicht schnell genug zerissen hatte. Seit der Flucht aus Frankreich ist sie ganz in ihre Angst versunken. Alan soll ihr heraushelfen. Er ist entsetzt: „Ich mach's nicht. Ich hab' sowieso schon genug am Hals. Ein paar Jungs nennen mich schon Schisser. Eine Sache kenn ich, und das ist Baseball. Das ist das einzige, wo ich gut bin. Das einzige. Ich hab' einen Freund in der Straße, und damit hat sich's. Und der läßt mich sitzen. Ein Mädchen! Und dann noch verrückt!“

Er macht's doch. Weil sein Vater recht hat, er ist mehr als ein Baseballspieler. Alan hat ihn einmal gefragt: „Wie kann Gott zulassen, was die Nazis tun?“ Gott anklagen ist leicht, selber was tun, schwer.

Wie schwer, das merkt Alan in den nächsten Monaten, in denen er nicht weniger als als eine Psychotherapıe mit Naomi macht, das heoßt er überläßt sich einfach seiner Freundlichkeit und gibt von der Geborgenheit ab, die er zu Hause erfährt. Nach vielen Enttäuschungen, gelingt es ihm, sie wieder zu einem lachenden Mädchen zu mache, das glücklich seinem Modellflugzeug, dem gelben Vogel nachläuft.

Die Heilung Naomis gehört zum Spannensten und Schönsten, was ich seit langem gelsen habe. Aber! Aber das Buch hat kein Happy-End. Als Joe Condello ihn und Naomi „dreckige Juden“ schimpft, stürzt sich Alan auf ihn. Joe ist stärker. Er schlägt Alan zusammen, und Naomi sieht noch einmal ihr traumatisches Schock-Erlebnis. Und alles ist zerstört.

Naomi kommt in eine Anstalt und nimmt Alan nicht mehr wahr. Soll man sowas zwölfjährigen Lesern antun? Natürlich sehnen wir uns alle nach einem Happy-End. Auch Jugendliche. Natürlich schenken wir lieber Mutmachendes. Aber macht so eine Geschichte denn mutios?

Myron Levoy erzählt von einem, der eine schwer schier unlösbare Aufgabe meistert. Aber er erzählt auch davon, daß es Leutebgibt, die das Glück anderer zerschlagen. Das ist traurig, aber wahr. Traurige Geschichten können wir in den Kindern manchmal ersparen. Wahre müssen wir ihnen erzählen. Auch wenn's zum Heulen ist. Aber wenn die Tränen trocknen ist der Blick klarer als vorher. Und aus Traurigkeit ist vielleicht auch Wut geworden gegen die Condellos. Nein, traurige Bücher machen nicht mutlos, nur traurige Verhältnisse.

 

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